Das Wochenende auf dem PolitCamp war anstrengend, aber sehr inhaltsreich. Die Menge der Themen und Sessions war zum Teil erschlagend, ich wusste nicht welche Sessions ich besuchen sollte. Die Themen reichten von Netzneutralität, Zugangssperren und OpenData über politische Kommunikation, Social Networks und Medienkompetenz, um einen kleinen Ausschnitt zu geben. Nicht zu allen Themen gab es unbedingt neues zu erfahren, allerdings lag der Reiz der Sessions auch eher in den Diskussionen und den Beiträgen der anderen Teilnehmer. Die Vielfalt der Meinungen machte auch vermeintlich dröge Themen interessant und führt zur Rauskristalisierung von kontroversen Punkten.
Neben dem zeitlichen Rahmen der Sessions bot die Twitterwall ein verbindendes Element, neben den Teilnehmern der Sessions natürlich. Hier wurden in den großen Sessions die Gedanken der Teilnehmer sichtbar und ermöglichte es denen die in anderen Sessions unterwegs waren auch bedingt teilzunehmen. Eigentlich wollte ich dem Trend zu Twitter nicht folgen, muss aber gestehen, dass ich mir doch einen Account zugelegt habe. Zurzeit möchte ich hauptsächlich konsumieren und mir anschauen was und wie über Twitter kommuniziert wird. Im Panel war es zum teile eine nette, wenn auch oft triviale, Bereicherung.
Persönlich empfand ich die Sessions der Piraten über LiquidDemocracy/ LiquidFeedback sehr interessant, so zeigt dieses Verfahren einen neuen Ansatz für innerparteiliche Demokratie und Politikformulierung. Ich muss zugeben, dass ich dem Verfahren zu beginn eher kritisch gegenüberstand. Doch bei dem Vortrag wurde ich in vielen Teilen vom Gegenteil überzeugt. Meine Bedenken lagen vor allem im Bereich der Delegation der Stimmen. Für eine junge Organisation wie es die Piraten sind, bei denen sich die Strukturen noch etablieren und entwickeln werden, wird dies eine Flexibilität in den Strukturen erhalten. Bei den etablierten Parteien haben sich Verfahren etabliert, die für eine Behäbigkeit bei der Bearbeitung von Themen sorgen. Wenn Anträge nur durch die Institutionen gehen, ohne parallel auch bereits breit von allen Diskutiert werden können, kommt es zu der aktuellen Behäbigkeit. Persönlich würde ich ein ähnliches System in der SPD begrüßen, allerdings ist die SPD die SPD und hat auch, wenn die Zahlen rückläufig sind, mehr Mitglieder als die Piraten. Genau hier liegt nach meiner Auffassung auch eines der Probleme, die breitere gesellschaftliche Durchdringung der SPD, mit ihrem hohen Altersdurchschnitt würde mit solchen Systemen wohl eher mehr Mitglieder ausschließen oder ausgrenzen als zusätzlich eingebunden werden können.
Was bedeutet dies dann aber für die SPD, ist solche Systeme machbar? Ich denke schon, die Konzipierung eines solchen Angebots muss aber bestimmte Bedingungen erfüllen. Zu diesen Bedingungen gehört es, vor allem eine Verbindung zwischen den traditionellen und organisationsspezifischen Verfahren und basisdemokratischen Elementen einer solchen Plattform zu finden. Die Partei müsste sich für eine neue Form der Basisdemokratie öffnen, um diese Form des Diskurses zu etablieren. Dies darf aber keine Aufgabe von alten Traditionen bedeutet, im Gegenteil die Kombination der alten Traditionen mit den neuen Möglichkeiten würde, wenn das Angebot die Breite der Basis anspricht den innerparteilichen Diskurs konstruktiv erweitern.
Nachtrag:
Mehr Artikel zum PolitCamp sind delicious.com gesammelt zu finden auf dradio.de gibt es auch einen kurzen Beitrag zum Camp.

